Nr. 4/1996
Zeitschrift (1989-2007)


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Editorial

Bedeutung österreichischer Literatur aus internationaler Sicht

Marie Bodi (Melbourne):
Our Creative Diversity

Herbert Arlt (Wien) - Pierre Béhar (Saarbrücken) - Tamás Lichtmann (Debrecen) - Leslie Bodi (Melbourne) - Anil Bhatti (New Dehli) - Ulf Birbaumer (Wien) - Andrea Rosenauer (Wien) - Volker Kaukoreit (Wien)

Peter Horn (Kapstadt) - Anette Horn (Kapstadt) - Kathleen Thorpe (Johannesburg) - Mariana Lazarescu (Bukarest) - Alessandra Schininà (Catania) - Eva Reichmann (Bielefeld) - Anna Milanowski (Wien)

Fabrizio Cambi (Trient) - Annette Daigger (Saarbrücken) - Walter Methlagl (Innsbruck) - Barbara Burkhardt (Wien) - Michaela Bürger (Genua) - Ulrich Schmidt (Bielefeld)

Dokumentationsgespräch mit Simo (Yaounde/Kamerun)

Dokumentationsgespräch mit Heinz Lunzer und Gerhard Ruiss (Wien)

Vergangenheit und Zukunft

 

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Editorial

Welche grundsätzliche Bedeutung regionale und internationale Kulturprozesse haben, zeigte in den letzten Wochen auch die mit großer Öffentlichkeitsresonanz geführte Diskussion zum Buch "The Clash of Civilizations" von Samuel P. Huntington. Die deutschsprachige Übersetzung (Kampf der Kulturen, München, Wien 1996) erschien bereits nach kürzester Zeit in 3. Auflage.

Zur Bestimmung des Begriffs "Kultur" schreibt Huntington: "Deutsche Denker des 19. Jahrhunderts unterschieden streng zwischen Zivilisation, wozu Mechanik, Technik und materielle Faktoren zählten, und Kultur, wozu Werte, Ideale und die höheren geistigen, künstlerischen, sittlichen Eigenschaften einer Gesellschaft zählten. Diese Unterscheidung hat sich im deutschen Denken behauptet, während sie ansonsten abgelehnt wird. ... Zivilisation und Kultur meinen beide [im englischen Sprachgebrauch] die gesamte Lebensweise eines Volkes.." (S.51).

Diese Bestimmung von Kultur deckt sich mit der Definition im UNESCO-Dokument "Our Creative Diversity" (s. Marie Bodi in diesem Heft S.3 und "Internationales Memorandum", "Jura Soyfer", 5.Jg., Nr.3/1996, S.34). Im Gegensatz zu seiner eigenen Kultur-Definition bezieht Huntington aber soziale, künstlerische, wissenschaftliche Prozesse in die Thesenbildung zur "Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" nicht ein. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen stehen vor allem Ökonomie, Militär, Bevölkerungswachstum. Nur auf den letzten Seiten finden sich Hinweise zu potentiellen Gegenüberlegungen, die jedoch einen auffordernden Charakter haben: "Menschen in allen Kulturen sollten nach Werten, Institutionen und Praktiken suchen und jene auszuweiten trachten, die sie mit Menschen anderer Kulturen gemeinsam haben. Dieses Bemühen würde dazu beitragen, nicht nur den Kampf der Kulturen zu begrenzen, sondern auch Zivilisation im Singular, das heißt Zivilisiertheit zu stärken. Zivilisation im Singular bezieht sich vermutlich auf eine komplexe Mischung - auf hohem Niveau - von Moral, Religion, Bildung, Kunst, Philosophie, Technologie, materiellem Wohlstand und wahrscheinlich anderen Dingen." (S.528.)

Die Breite der Reaktionen auf Huntington und "Our Creative Diversity" zeigen, daß zwar die zentrale Bedeutung von Kultur für internationale Prozesse allgemein anerkannt wird, aber im internationalen politischen Denken im Sinne der oben zitierten Defintion derzeit kaum eine Rolle spielt. Als Indizien dafür können gewertet werden: Nicht-Wiedereinstieg finanzkräftiger Länder in die UNESCO, der Austritt einiger davon nun auch aus der UNIDO, die hochgespielten "Sicherheitsdebatten" (die nichts anderes als Polizei- und Rüstungsdebatten zu sein scheinen), die Nicht-Begleitung des EU-Einigungsprozesses durch entsprechende Förderungsprogramme für Kulturforschungsprojekte, die international praktizierten Kürzungen der Mittel für Kultur (insbesondere auch Kulturwissenschaften).

Abgesehen von der Differenz zwischen Ansatz und Analysefeldern, ist auch die Huntingtonsche Argumentation der Thesen problematisch. Einige wenige Aspekte sollen herausgegriffen werden:

  1. Relevanz von Daten: Huntigton beschränkt sich - abgesehen von der Verwendung von Werken von Oswald Spengler u.a. - auf US-Quellen und Aussagen führender Politiker (s. Anmerkungsteil bzw. z.B. Tabelle 2.1, S.73: Verwendung der Begriffe "Freie Welt" und "der Westen"/Quellen: "New York Times", "Washington Post", "Congressional Record"). Bei der Verwendung und Interpretation von Daten verfährt er willkürlich und spekulativ (z.B. negiert er aufgrund von Zeitungsartikeln zur Renovierung von Kirchen in Rußland die Bedeutung der Nicht-Religiosität ebendort, kritisiert die wachsende Nicht-Religiosität im Westen, bezieht aber profane Strömungen nicht als kulturprägend in seine perspektivischen Überlegungen ein; zu Religionen/Nicht-Religiosität s. Tabelle 3.3 S.91). Daß die von ihm verwendeten Daten kaum empirisch abgesichert sind, erwähnt er nur nebenbei.
  2. Sprachen/Kommunikationsstrukturen: Im Gegensatz zu seiner Kulturdefinition nimmt Huntington zur Thesenbildung apodiktisch Aspekte des von ihm kritisierten Denkens des 19. Jahrhunderts auf - "Die zentralen Elemente jeder Kultur oder Zivilisation sind Sprache und Religion" (S.81.) - und begründet, warum auch Englisch keine Weltsprache sein könne: "Der Anteil der Englischsprechenden fiel von 9,8 Prozent der Menschen, die 1958 eine von mindestens einer Million Menschen gesprochene Sprache sprachen, auf 7,6 Prozent im Jahre 1992" (S.82.), gesteht aber zu, daß "Englisch die Art (ist), wie die Welt interkulturell kommuniziert" (S.84). Wenngleich die Menschen in den von ihm entworfenen 8 Kulturkreisen (s. die Karte S.30/31) und selbst in den einzelnen "Kernstaaten" eine Vielzahl von unterschiedlichen Sprachen sprechen, zitiert er zustimmend: "Der Konflikt zwischen den Multikulturalisten und Verteidigern der westlichen Kultur und des amerikanischen Credos ist laut James Kurth 'der eigentliche Kampf' im amerikanischen Teil des westlichen Kulturkreises." (S.505.)
  3. Vergangenheit und Zukunftsgestaltung: Die alten Sichtweisen, die sich auch in der unreflektierten Verwendung von Begriffen wie "Rassen" widerspiegeln, bedingen eine pessimistische Perspektive. Kritisch vermerkt er dagegen: "Die Teufel der Vergangenheit erleben ihre Auferstehung in der Gegenwart... In Kriegen zwischen Kulturen ist die Kultur der Verlierer" (S.443/444), kritisiert die mangelnde Förderung von Studien zum internationalen Forschungsfeld Krieg und Frieden (S.14), schließt das Buch unter Wendung der oben zitierten Terminologie mit dem interkulturellen Aufruf zum "größeren Kampf, (dem) globalen 'eigentlichen Kampf' zwischen Zivilisation und Barbarei" (S.531). Zugleich klammert Huntington aber die Argumente und Datenfelder der UNESCO und andere Darstellungen von Kulturen aus. Er verwendet sogar Wissenschafter als Zeugen für seine Thesen (z.B. Béhar, S.252), die andere Positionen vertreten (s. dazu Béhar zu Sprache und Kultur in diesem Heft).

Im Vergleich mit seiner eigenen Kultur- und Zivilisationsdefinition enthält das Buch feldmäßig beschränkte, widersprüchliche Thesen zu (potentiellen) Machtkämpfen. Doch ohne relevante Entwicklung eines empirisch abgesicherten internationalen wissenschaftlichen Diskurses, wird bei internationaler Dominanz eines kulturpolitischen Denkens, das nur den von Huntington analysierten Faktoren verpflichtet bleibt, dem "Clash of Civilizations" wohl eine große Wahrscheinlichkeit eingeräumt werden müssen.

       
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