Nr. 54
Zeitschrift (1989–2007)


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Editorial

Herbert Arlt (Wien)
Die Maßgaben der Wissensgesellschaft

KCTOS: Thesen und Ausgangsfragen

5. Memminger Gespräche: Angst und Veränderung

Otto Tausig zum 85. Geburtstag

Jura Soyfer - weltweit

Neues Konzept | Symposion: "Jura Soyfer in Sprachen der Welt"

Die Zeitschrift "Jura Soyfer" 1989 bis 2006 (Ausstellung)

Peter Horn, Johannesburg (Lesung)

Kultur und Geisteswissenschaften in der Globalisierung
(Wiener Vorlesung) | Jura Soyfer Archiv | "Die Lebendigkeit Jura Soyfers"

Jura Soyfer in Georgien ( Natela Chuzischwili: Die Gegenwärtigkeit Jura Soyfers; Nana Gogolaschwili: Eine gute Bekanntschaft; Dali Pandshikidze: Jura Soyfer ist für uns ein neuer Name; Zurab Abaschidze: Meine Entdeckung von Jura Soyfer)

Jura Soyfer: Aufführungen, Lieder und Lesungen

BeiträgerInnen

Jura Soyfer Online | Zwischenwelt

Virtualität und neue Wissensstrukturen
Programm: Jura Soyfer Tage in Memmingen 2007

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Editorial

Die Welt verändert sich. Nicht nur in "Astoria", einem Soyferschen Stück aus dem Jahre 1937, spielt Virtualität eine zentrale Rolle. Vielmehr zeigt das Buch "Virtualität und neue Wissensstrukturen" (INST-Verlag: Wien 2006), das Materialen und Ergebnisse des gleichnamigen EU-Projektes dokumentiert, dass Virtualität (Sprachen, Künste, Wissen etc.) in neuer Weise zum zentralen Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung geworden ist und keineswegs nur der Illusionierung dient. Dazu Heinz Fischer, Bundespräsident der Republik Österreich, im Grußwort: "Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich Wissen so rasch vermehrt wie heute. Und noch nie konnten wir so viel wissen wie heute. Wissen ist zur unbestrittenen Grundlage unserer Existenz und durch die neuen Möglichkeiten der Wissensverbreitung zu einem tatsächlich weltumspannenden Faktor geworden." (S. 25.)

Aber wie in Astoria dargestellt, sieht er und auch der Generaldirektor der UNESCO, Koïchiro Matsuura, die Rolle dieser Virtualität zwiespältig. Matsuura: "Globalisierung, insbesondere durch die Verbreitung von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, hat die globale Gemeinschaft sicher enger miteinander verbunden, und ebenso einen breiteren und besseren Zugang zu Information und Wissen ermöglicht. Aber während einige Teile der Welt näher zueinander rückten, wurden andere noch weiter ausgeschlossen und zurückgelassen, von einer Globalisierung, die sogar noch tiefere Formen des Ausschlusses und der Ungleichheit schafft. Die UNESCO ist der Ansicht, dass wissens- und innovationsbasierte Entwicklung einzigartige Möglichkeiten bereit hält, diese Disparitäten zu überbrücken und eine Globalisierung für alle zu ermöglichen - allerdings nur dann, wenn sie in einer gerechten, einschließenden und kulturell-sensiblen Weise konstituiert wird." (S. 29.)

Programmatisch hält dazu Alfred Gusenbauer in seinem Beitrag mit dem Titel "Wissen und heutige gesellschaftliche Veränderungen" vom 9. Dezember 2005 fest: "Die soziale Frage bleibt jedenfalls auch im 21. Jahrhundert die zentrale Frage. Die Europäische Union hätte in diesem Zusammenhang die Aufgabe, Perspektiven für eine andere Entwicklung zu bieten, die auf mehr Gerechtigkeit, wie z.B. die Beseitigung der Armut zielt. [...] Ein wesentliches Element einer solchen Politik muss bestmögliche Bildung und damit die Stärkung des Wissens sein. Voraussetzungen dafür sind das Lesen, die Interpretation von Zeichen, Bildern, Texten, Zahlen - gerade auch unter Berücksichtigung der neuen Bedingungen." (S. 103/104.)

In diese Richtung argumentiert auch Erwin Pröll, Landeshauptmann von Niederösterreich: "Dieses komplexe Herangehen zeigt, dass der Begriff Wissensgesellschaft, wie er im Entwicklungskonzept ‚Strategie Niederösterreich’ vom September 2004 verwendet wird, für uns kein Schlagwort ist. Vielmehr sehen wir einen Wandel der Strukturen der gesellschaftlichen Bedeutung unter anderem in folgenden Bereichen: Bildung, Forschung und Entwicklung, Kultur." (S. 132)

Die Beiträge zeigen auch: Anders als in den Agrar- und Industriegesellschaften ist eine breite Mitwirkung der Bevölkerung nicht nur bei der Reproduktion gefordert, sondern gerade auch bei der Innovation, bei der Gestaltung der virtuellen Strukturen. Die bloße Besetzung von Machtpositionen, die Dominanz in den Medien und im Machapparat wie sie von Rechtspolitikern weltweit als erstrebenswert angesehen werden, ist daher keineswegs ausreichend. Wie in "Astoria" kann Macht so zeitweise behauptet werden, aber die negativen gesellschaftlichen Folgen sind evident und die Macht brüchig.

In dieser - der letzten - Nummer der gedruckten Zeitschrift "Jura Soyfer" wird auf einige Elemente dieser neuen Entwicklung im Kleinen und im Großen eingegangen:

  1. Auf die neuen Projekte zu Jura Soyfer (Übersetzungen, Aufführungen, Öffentlichkeiten) weltweit. Mit diesen Projekten wird Soyfers künstlerische Auseinandersetzung mit einer Welt gewürdigt, die sich ständig auf Faktizität beruft, aber im Kern die Metaphysik des Geldes propagiert und anstatt konkreter Lösungen Phrasen, Rhetorik, Metaphern, Illusionen anbietet - als wären Symbole (und nicht Realitäten) die entscheidenden Faktoren der gesellschaftlichen Prozesse.
  2. Auf die Probleme einer Übergangszeit unter dem Titel "Angst und Veränderung". Zu diesem Thema fanden die 5. Memminger Gespräche am 13./14. Mai 2006 statt, für die das Landestheater Schwaben gemeinsam mit der Jura Soyfer Gesellschaft den Hauptpreis der 24. Bayerischen Theatertage erhielt.
  3. Auf neue Möglichkeiten und Widerspruchsfelder, wie sie sich unter den neuen Bedingungen einer Wissensgesellschaft ergeben. Interessanterweise enthält das neue - medial nach Machtkonstellationen durchleuchtete und viel geschmähte - österreichische Regierungsprogramm (2007 - 2010) Ansätze, solche neuen Möglichkeiten durchaus zu nutzen. "Astoria" wurde damit nicht nur abgewählt, sondern es werden neue Handlungsfelder skizziert, die noch näher zu bestimmen sein werden. Da ist vom "Prozess der Wandlung von der Industrie- zur Wissensgesellschaft" (S. 85) die Rede, von der Alphabetisierung (S. 95), von der breiten Beteiligung der Bevölkerung (S. 155), vom offenen kulturellen Klima (ebd.), von den Kreativleistungen (S. 159 u.a.), vom Pluralismus der Öffentlichkeit (S. 160). Eine wesentliche Grundlage der Budgetpolitik (S. 163ff.) ist der Ansatz, durch Absenkung der Arbeitslosigkeit mehr finanziellen Gestaltungsspielraum zu erhalten (aber auch durch Einsparungen beim Militär). Die Armut wird bekämpft (S. 3). Die "gesellschaftlichen Veränderungen" werden für das Zivilrecht relevant (S. 147).

Ein Paradies wird keines entstehen, und es wird auch nicht behauptet, dass es die Absicht des Regierungsprogramms sei, ein solches zu errichten. Aber wesentliche positive Veränderungen scheinen durchaus für die Mehrheit der ÖsterreicherInnen möglich. In "Astoria" singen die Vagabunden ihr Lied dazu, um was es in den nächsten Jahren gehen könnte: "Und wär der Himmel droben/ Von Samt und von Brokat/ Und Sternlein eingewoben,/ Ein jedes ein Dukat,/ Wär keiner, der die Leiter stellt,/ Daß man sie holen kunnt./ So ist die Zeit, so ist die Welt,/ Mein Bruder Vagabund." (Soyfer, Werkausgabe Bd. II, S. 139.)

       
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