Nr. 3/2003
Zeitschrift (1989–2007)


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Technologie und Kultur

Editorial

Herbert Arlt (Wien)
Technologie und kulturelle Entwicklung

Jorge Bauer (Universität Buenos Aires)
Technologie und Kultur

Technologie und Literatur/Künste.
Ein Online-Interview mit Gerhard Ruiss (Literaturhaus Wien) vom 19. bis 23.1.2004

"... geht die Tendenz ganz stark in Richtung Belastung der ArbeitnehmerInnen".
Dokumentationsgespräch mit Sabine Letz (ÖGB, Wien) vom 27.1.2004

Berichte: "An den Gestaden das MAK", "Der Lechner Edi", Gedenkveranstaltung "12. Februar 2004"

Rezension: Die entscheidenden Dinge wissen. Zum Stück „Die Glut“ von Sándor Márai

 

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Editorial

Der Februar 1934 ist ein Symbol für die gewaltsame Durchsetzung sozialer Interessen einer kleinen Gruppe, die in der Folge dann selbst der Gewalt weicht. Zwar gibt es heute – wie aus den österreichischen Medien zu erfahren war – eine neue Wertungen des Wortes "autoritär" durch einen der ÖVP-Ideologen, den Ersten Nationalratspräsidenten des Parlaments der Republik Österreich, Andreas Kohl. Aber die (ironische) Interpretation von Gerhard Botz, einem der großen Kenner dieser Zeit, dass damit ein Umdenken in der ÖVP bezüglich des Austrofaschismus in den 20er und 30er Jahren verbunden wäre, wird wohl sonst kaum durch Anzeichen gestützt.

Strategie und Bedingungen der Durchsetzung von sozialen Interessen haben sich sicherlich gewandelt. Gewalt spielt zwar wiederum eine Rolle, aber meist nun in Einsätzen "out of area" ("fern der Heimat"). Die Versuche ihrer Durchsetzung, wie sie von Bush, Berlusconi und anderen zu beobachten sind, sind aber meist nicht Ausdruck einer neugewonnenen Stärke von deren Gruppen, sondern sie finden in einer Zeit statt, da auf aller Welt Menschen nach Orientierungen in einer Zeit des Umbruchs suchen. Längst gibt es andere Konzepte, die auf Öffentlichkeit, Ausbildung, Gesundheit, sozialen Ausgleich setzen. Die Mittel wären vorhanden, selbst eine Steigerung des Umsatzes gerade auf diese Weise zu erreichen. Es zeigt sich aber, dass bei den politischen Prozessen die Eigen- und Klientelinteressen im Vordergrund stehen und die Gesamtinteressen in Staaten kaum mehr wahrgenommen werden.

Ein positives Beispiel für die Wahrnehmung von Gesamtinteressen ist Zypern. Und es sind positive Erwartungen, die den Wandel auf dieser schönen Insel möglich machen – eine Vermehrung des allgemeinen Reichtums durch Beitritt zur Europäischen Union.

Anders hingegen die Gestaltung des Wandels in vielen anderen Ländern. Die Hauptcharakteristika sind:

  1. Es gibt keinen Ansatz in der internationalen Machtpolitik (wohl aber in der UNO), der darauf abzielt, dass eine produktive Entwicklung eingeleitet wird, die als allgemeiner Handlungsleitfaden gelten kann (wie dies in Zypern der Fall ist). Vielmehr werden Interessen im Zusammenhang mit Rohstoffen zum Teil gewaltsam durchgesetzt oder Bedürfnisse im Klimaschutz einfach ignoriert bzw. die Folgen anderen aufgelastet. Dies ist eine Quelle ständiger Konflikte.
  2. Im 20. Jahrhundert erfolgte die große Transformation von der Agrikultur zur Urbanisierung und von den "harten" zu den "weichen" Technologien (siehe dazu auch den Beitrag von Jorge Bauer in diesem Heft). Das erfordert mehr Wissen, mehr Ausbildung, deren Organisierung nicht einfach individuell geleistet werden kann, sondern gesellschaftlich entwickelt werden muß. Es ist ein deutliches Zeichen für eine unfähige Politik, wenn nicht gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine adäquate Ausbildung gewährleisten.
  3. Neu ist aber auch die Organisation der Produktion. Es sind nicht mehr Betriebseinheiten (Bauernhof, Industriebetrieb, Dienstleistungszentren etc.), die den Charakter der Produktion hauptsächlich prägen, sondern es sind mehr und mehr (transnationale/kulturelle) Netzwerke, die aber keine adäquaten Rahmenbedingungen für ihre Produktion finden (außer in der kommerziellen Produktion).
  4. Ausdruck der Krise und der Ratlosigkeit sind auch die öffentlichen Kürzungen im Bereich der Künste und Wissenschaften. Die Quantitäten wurden beginnend mit den 60er Jahren zum Teil enorm gesteigert. Nun stellt sich aber für viele Politiker die Frage, wie mit diesen Produktionseinheiten umzugehen ist. Die Problemstellungen sind meist folgende:
    • Es wird analog zu den "alten" Produktionseinheiten gehandelt. Das zeigt sich anhand der Universitätsreformen seit den 70er Jahren. Dies führte aber nur zu allgemein unbefriedigenden Ergebnissen.
    • Zu derartigen falschen Analogieschlüssen zählt, dass im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften Großstrukturen eingeführt werden. Die mögen im naturwissenschaftlichen Bereich wegen der hohen Investitionen notwendig sein, haben sich aber gerade im 20. Jahrhundert im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften unter welchem Ansatz auch immer nicht bewährt. Pluralismus und damit kleine Einheiten sind die Voraussetzungen für Diskurs und eine produktive Evaluierung.
    • Es wird "Personalsteuerung" betrieben. Anders formuliert: was herauskommt, wissen die AuftraggeberInnen schon. Es kommt nun nur mehr darauf an, geeignete Personen zu finden, um die (ideologischen) Ergebnisse auch zu garantieren. Dementsprechend werden Evaluierungen durchgeführt, neue Konstruktionen des "Wissensmanagement" erfunden etc.
    • Die Öffentlichkeit, die das entscheidende Element der Weiterentwicklung darstellt, wird eingeschränkt und kontrolliert. Auch hier wird das Mittel der "Personalsteuerung" aus dem 18. Jahrhundert eingesetzt.

    • In den Künsten wird mehr und mehr die "Tradition" und der Event, die Unterhaltung gefördert. Anstatt die Unterhaltung dem Markt zu überlassen, wird versucht, damit "Massen" zu gewinnen. Aber es geht eben nicht nur um große Namen, um Massenveranstaltungen, sondern entscheidend ist, dass sich auf breiter Ebene Arbeitsformen durchsetzen, die den neuen Bedingungen entsprechen. Und diese neuen Arbeitsformen erfordern Selbständigkeit, Orientierungsfähigkeit und weniger Informationsquantitäten.

Der Umbau, der heute allgemein, aber sehr unterschiedlich vorgenommen wird, ist daher weitgehend sehr unbefriedigend. Anstatt größerer Freiheit in der Bewegung werden neue "Mauern" aufgebaut, die Bürger weltweit einer Kontrolle unterzogen, die nicht unbedingt mehr "Sicherheit", aber sicherlich Schikanen und Ungerechtigkeiten nach sich ziehen. Die Teilaufhebung von Recht im "Krieg gegen den Terror" wird nicht andere Folgen haben, als derartige Aufhebungen in der Vergangenheit auch hatten. Gerade die USA haben davon profitiert, dass allgemeine Rechtsgrundsätze die Rahmenbedingungen für ihre Gesellschaft darstellten. Es kann leicht studiert werden, was es bedeutet, von diesen Grundlagen abzugehen.

Das Gleiche gilt aber auch für die Bildungs- und Forschungspolitik. Es geht nicht nur um die Quantitäten. Es geht vor allem um neue Strukturen, neue Handlungsmöglichkeiten, die sich bereits im 20. Jahrhundert deutlich abgezeichnet haben und ein "Auf uns kommt's an" von Jura Soyfer so aktuell machen.

       
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