Nr. 1/2003
Zeitschrift (1989–2007)


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Die Kühlschrankrevolution

Editorial

Der Supermarkt
Uta Ackermann und Werner Fritsch im Gespräch mit Herbert Arlt und Walter Weyers

Die Kühlschrankrevolution
Beiträge von Herbert Arlt (Wien), Gabriella Hima (Budapest), Dagmar Kostalova (Bratislava), Massud Rahnama (Wien/Teheran), David Simo (Kamerun), Walter Weyers (Memmingen)

Publikumsdiskussion

Memorandum: Konferenz "Das Verbindende der Kulturen", Wien 2003

Berichte: Preisverleihung für Soyfer-Ausgabe / Ein Fest für Jura Soyfer (Hallein) / Kulturforum Hallein / Theater SPIELRAUM / Protestsong Contest / "Der Lechner Edi" im Theater Leopoldstadt / Ausstellung "Jura Soyfer and his time" / Martkbühne Berchtesgaden

Rezension: Die Technisierung des Menschen. Zum Stück "Free speed. ein Kammerspiel für Auto und Holzkabine" von Christine Velan

 

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Editorial

Seit vielen Jahren wird versucht zu vermitteln, wie bedeutsam Kultur in den heutigen Prozessen ist. Vorläufiger Höhepunkt ist die Konferenz "Das Verbindende der Kulturen" vom 7. bis 9. November 2003 im Austria Center in Wien – eine Konferenz mit 4.000 TeilnehmerInnen aus 70 Ländern, in deren Rahmen auch eine Ausstellung über Jura Soyfer und seine Zeit zu sehen war.

In den Deklarationen von Nationalstaaten und internationalen Organisationen hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Mit der Kulturkonvention, die von der Generalversammlung heuer beschlossen wurde, ist die UNESCO vorangegangen. In der EU gibt es noch Hindernisse, Kulturforschung als Kulturforschung zu fördern. Aber das Programm von der European Research Area eröffnet auch in diesem Zusammenhang neue Möglichkeiten. Und auch der Europarat hat deutliche Worte gefunden. In Österreich war es der Bundespräsident, die Stadt Wien sowie eine Vielzahl von Organisationen, die in vielfältiger Weise die Konferenz unterstützten. Aber auch die heurige Auslandskulturtagung des österreichischen Außenministeriums hob die Bedeutung der Kultur hervor.

Dennoch verbleibt wesentliches offen. Dazu ein paar Anmerkungen:

  1. In der jetzigen Transformationsphase, die oft auch Wissensgesellschaft genannt wird, sind neue Tätigkeitsstrukturen entstanden. In wenigen Ländern Europas spielt der Erwerb aus der Landwirtschaft für den überwiegenden Teil der Bevölkerung eine überragende Rolle. Auch der Anteil des Erwerbs aus Bergbau und Industrie geht mehr und mehr zurück. Auf die neuen Verhältnisse haben sich aber weder Staat noch Parteien, Gewerkschaften, Börse usw. eingestellt. Es dominieren nach wie vor alte Interessensvertretungsstrukturen, die es schwer machen, die grenzüberschreitenden sozialen Probleme zu lösen und neue Wege zu gehen.
  2. Bereits früh war von den Schriftstellern die Problemlage erkannt worden. Beim ersten österreichischen Schriftstellerkongress wurde auf die soziale Position der Schriftsteller hingewiesen. Die damaligen Erkenntnisse gelten durchaus noch, wenn man zum Beispiel heute die soziale Lage der TeleworkerInnen analysiert. Ihre Nicht-Integration in den Entscheidungsprozess zu sozialen Fragen hat zu Problemen und Verschiebungen von Kräfteverhältnissen geführt. Bis heute stehen klare Positionen in der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung aus. Es wird gekürzt, umverteilt, aber es gibt keine Strategie, die sich auf die neuen Verhältnisse mehr als deklarativ einlässt.
  3. Nicht wenige dieser TeleworkerInnen arbeiten auch in Vereinen. Diese erscheinen im Budget als Ballast, der soll gekürzt werden. Doch die Vorgangsweise und die Folgen sind verheerend. Bekannten Wissenschaftern, denen Titel verliehen werden, die zur Weiterarbeit aufgefordert werden, wird gleichzeitig das Budget um zwei Drittel gekürzt, wie dies in einem Fall in Österreich geschah.
  4. Aber es geht nicht nur um die finanzielle Kürzung. Diese ist Teil einer falschen Strategie, die nicht nur eine Rekordarbeitslosigkeit von Akademikern wesentlich mitverursacht hat, nicht nur die Einnahmen für die Republik und andere Einrichtungen senkt, weil nicht mehr soviel für KollegInnen weltweit angeboten werden kann. In der finanziellen Not des Staates werden Briefe versandt, in denen Knockout-Kriterien genannt werden. Es wird so getan, als ginge es um Qualität und Effizienz. In Wirklichkeit sind mangelnde Mittel der Hintergrund, die nicht wirklich mangeln müssten. Es sind falsche politische Entscheidungen, die dazu führen. Und anstatt das Problem einzugestehen, wird den Betroffenen noch unnötige Arbeit gemacht.
  5. Ein weiterer falscher Grundgedanke ist, die Wissenschaft zu instrumentalisieren. Mit neuen Strukturen (die vor allem neue personelle Besetzungen ermöglichen) wird versucht, die Wissenschaft zu gängeln. Alle Überlegungen zur Verwaltung, zur Kontrolle usw. führen aber zu Mehrkosten im unproduktiven Bereich. Anstatt dass Denken, Kreativität usw. ermöglicht werden, wird nur die Verwaltung aufgebläht – und zwar auf Kosten der Vereine, die mehr und mehr Mittel für Verwaltungsvorgängen aufzuwenden haben. Es werden Strukturen auf den kreativen Bereich übertragen, die diesem wesensfremd sind.
  6. Ein Teil dieser falschen Politik ist, die Infrastrukturen der Institutionen zurückzudrängen und die Auftragsforschung zu verstärken. Dies führt im Rahmen der EU dazu, dass viele sich die Aufwendungen nicht leisten wollen oder können, um EU-Gelder zu bekommen. Gerade im Vorfeld der Erweiterung der Europäischen Union sollte darauf verwiesen werden, dass diese Form der Forschungsförderung dazu führt, dass viele strukturell ausgeschlossen werden. Damit wird die Finanzkraft einer Institution zum Kriterium der Wissenschaftlichkeit. Und das ist ebenso merkwürdig wie die Tatsache, dass zum Teil mehr Mittel für die Selektion und Repräsentativität (Vertragsunterzeichnungen) ausgegeben werden als für die Forschungsarbeit selbst.
  7. Ein weiterer falscher Ansatz in diesem Zusammenhang ist auch zu meinen, von Seiten der EU oder des Staates Themen vorgeben zu müssen, weil die Forschung und Wissenschaft sich sonst verzettle. In den Naturwissenschaften mag es durchaus angebracht und notwendig sein, Mittel zu konzentrieren. Gerade kapitalintensive Forschung ist nicht anders zu machen. In den Geistes- und Kulturwissenschaften bzw. den Humanities ist das kontraproduktiv und widerspricht grundsätzlich allen Erkenntnissen. In einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft steht vielmehr die Öffentlichkeit, die Pluralität im Mittelpunkt. Nur deshalb, weil zwei Institutionen über gleiche oder ähnliche Themen forschen, ist dies nicht verkehrt – dies entspricht vielmehr einem guten Prinzip. Und Pluralität gerade auch in Institutionen und Projekten ist nur förderlich. Hier werden grundlegende Fehler wiederholt, die zum Beispiel Robert Musil im Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" schon eingehend dargelegt hat.
  8. Diese Zurückdrängung der kulturellen Öffentlichkeit, die nicht nur demokratiepolitisch problematisch ist (wie auch alle anderen Maßnahmen vom Zeitschriftenversand bis zu den Pensionsmaßnahmen, die gerade jene trifft, die meist aus Idealismus heraus sich über weite Strecken ohne soziale Absicherung in gesellschaftliche Prozesse eingebracht haben), sondern auch kontraproduktiv im gesellschaftlichen Leben wirkt. Mit Machtkampf werden keine sachlichen Probleme zu lösen sein. Die Kultur als Machtfaktor missverstehen und daher zurückzudrängen, werden alle büßen müssen.
       
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