Nr. 3/2001
Zeitschrift (1989–2007)


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Editorial
 

Rainer Noltenius (Dortmund)
Gibt es ein Leben ohne Arbeit?

Alfred Grausgruber (Linz)
Zukunft der Arbeit – Arbeit der Zukunft

Niki Kolaric (Wien)
Arbeit an Texten

Dwora Stein / Barbara Libowitzky (Wien)
Heutige Arbeitsformen und gewerkschaftliche Organisationsformen

Susanne Kowarc (Wien)
Geht uns die Arbeit aus?

BERICHTE

Berichte (Soyfer in Paris / Jubiläum Literaturhaus / Arbeitsanalyse / Museum der Arbeit / "Dorfzeitung" im WWW / Neutralität)
Veranstaltungen: "Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien"

Rezensionen / Der Weg der Gewalt. Zu einem Stück von Franz Altmann

 

 

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Editorial

Am 8. Dezember 2002 hätte Jura Soyfer seinen 90. Geburtstag feiern können, wenn er nicht mit 26 Jahren am 16. Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald gestorben wäre. Aber seine "Auslöschung" gelang nicht. Lebendig ist Soyfer mit seinem Witz, seinem Widerspruchsdenken und leider auch seinen Themen geblieben – nicht nur in Österreich.

Zu seinem 90. Geburtstag ist daher einiges in Vorbereitung, das seiner Bedeutung gerecht werden soll: zum Beispiel eine vierbändige Ausgabe seiner Werke (Briefe, Lyrik, Stücke, Prosa), die von Horst Jarka neu im Deuticke Verlag herausgegeben wird und durch neue Texte ergänzt wird. Diese umfangreiche Ausgabe soll spätestens auf der Buchmesse in Frankfurt am Main im Oktober 2002 vorgestellt werden. Und damit soll es endlich wieder Soyfer-Texte in den Buchläden geben.

Weitere mögliche Höhepunkte im Jahre 2002: Das Team Vision4You (Berlin) arbeitet an einem etwa einstündigen Fernsehfilm über Jura Soyfer und seine Zeit. Burgtheaterdirektor Klaus Bachler hat der Jura Soyfer Gesellschaft schriftlich mitgeteilt, daß er sich überlegt, "Astoria" im Jahre 2002 zu spielen. Gewünscht wird diese Inszenierung auch als Auftakt für eine Konferenz zum Thema "Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", zu der rund 1.000 TeilnehmerInnen im Austria Center in Wien vom 6. bis 8. Dezember 2002 erwartet werden. Eine virtuelle Ausstellung soll bis zu Soyfers Geburtstag zur Verfügung stehen, die schon lange geplant war, für die schon in zehn Ländern Interesse angemeldet wurde und die die Ausstellung "Jura Soyfer und Theater" ersetzen soll, die in rund 30 Ländern gezeigt wurde – verbunden mit Theateraufführungen, Hörspielen, Fernsehproduktionen, Übersetzungen, Lehrveranstaltungen usw.

Auch das Jura Soyfer Archiv soll ab nächstem Jahr öffentlich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zugänglich sein, nachdem nun Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt wurden. Und die Nummer 3/2002 der Zeitschrift "Jura Soyfer. Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften" wird seinem 90. Geburtstag gewidmet sein. Und zudem ist noch ein kleines Symposion in seiner Geburtsstadt Charkow geplant sowie diverse andere Veranstaltungen.

Zum Auftakt all dieser geplanten und bisher nur zum Teil finanziell abgesicherten Veranstaltungen und Aktivitäten wird heuer vom 13. bis 16. Dezember 2001 eine Konferenz mit Begleitveranstaltungen zum Thema "Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien" im Literaturhaus in Wien durchgeführt (siehe auch die Seiten 24 und 25 dieser Ausgabe). Die TeilnehmerInnen kommen aus verschiedenen Ländern Europas, aus Asien, Afrika sowie den USA und symbolisieren auch auf diese Weise, daß Jura Soyfer weltweit Beachtung gefunden hat (immerhin wurde sein Werk bisher in 30 Sprachen übersetzt, wovon aber viele leider bisher noch ungedruckt blieben – auch weil die Zensur eine Rolle spielte). Das Programm dieser Auftakt-Veranstaltungen zeigt aber auch, daß Soyfers Texte durchaus Themen enthalten, die global von Bedeutung sind und in einer Weise geschrieben wurden, die weltweit ihre Rezeption findet. So haben seine Stücke von Welt gehandelt, lange bevor das Wort "Globalisierung" in den Medien breit getreten wurde. Und wenn damals der Radiosprecher im Stück "Weltuntergang" von brennenden Hochhäusern spricht, so können heute stattdessen Fernseher eingesetzt werden. Aber die Gewalt und die Ursachen für die Entstehung von Gewalt sind leider von Bedeutung geblieben. Und angesichts der Terroristen und ihrer Frauenfeindlichkeit, die sie mit anderen Gewalttätern (wie zum Beispiel Rechtsextremisten in Österreich und den USA) gemeinsam haben, verbleibt es von Interesse, daß im Stück "Weltuntergang" die Liebe die Welt vor ihrem Untergang rettet. Eine Liebe, die aber ihren Kontext braucht. Und gerade vom Kontext in seiner Widersprüchlichkeit handelt auch dieses Soyfer-Stück. So heißt es im Lied von der Erde:

Denn nahe, viel näher als ihr es begreift,
Hab' ich die Erde gesehn.
Ich sah sie von goldenen Saaten umreift,
Vom Schatten des Bombenflugzeugs gestreift
Und erfüllt von Maschinengedröhn.
Ich sah sie von Radiosendern bespickt;
Die warfen Wellen von Lüge und Haß.
Ich sah sie verlaust, verarmt und beglückt
Mit Reichtum ohne Maß.

Auch in Österreich hatte sich immer wieder viel um Jura Soyfer getan (vor allem wieder seit den 70er Jahren), wenngleich es in den letzten Jahren stiller um ihn geworden ist. Nicht nur die Arbeit einer Gesellschaft wie der Jura Soyfer Gesellschaft wurde nicht gerade erleichtert. So wurde die Basissubvention der Gesellschaft vom Wissenschaftsministerium in den letzten Jahren von 150.000.– ATS auf zuletzt 80.000.– ATS heruntergesetzt. Gekürzt wurde auch die allgemeine Subvention durch das Bundeskanzleramt (Kunstsektion). Die Zeitschrift konnte ihre Förderung zwar halten, aber die Postpreise tun weh. Das BMAA hat den Ankauf für die Österreich-Bibliotheken eingestellt. Und auch anderes ist nicht billiger geworden. Trotzdem die Miete nichts kostet, Technik unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird, haben die Kürzungen doch dazu geführt, daß die Gesellschaft ins Minus kam. Der Betrag ist zwar nicht hoch, aber er verweist auf ein strukturelles Problem, auf das nun vor allem Bundeskanzleramt und Wissenschaftsministerium verstärkt aufmerksam gemacht werden sollen.

Ob dieses Aufmerksam-Machen viel helfen wird in diesen Zeiten, wird man sehen. Schon findet ein erstes Rechtsextremen-Treffen in Wien statt, an dem staatlich hochsubventionierte Institutionen aus Österreich mitwirken. Die Politik wird aber derzeit bei den Kürzungen noch nicht in den Vordergrund gestellt. Jemand wie der Germanist Sigurd Paul Scheichl wird derzeit nach wie vor lieber Gutachten schreiben und von "Überschätzung" sprechen und Rechtschreibfehler aufzuspüren versuchen. Die "neue" Personalpolitik wird still gemacht. Die Verschiebungen im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur verblieben ohne großes Aufsehen. Aber Schritt für Schritt scheint die Entwicklung in eine Richtung zu gehen, wie dies bereits seit Jahren befürchtet wurde. Und gemessen werden kann dies durchaus auch an der Umgangsweise mit Gesellschaften wie der Jura Soyfer Gesellschaft...

 

       
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