Nr. 4/2000
Zeitschrift (1989–2007)


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Editorial

Thomas Metscher (Bremen)
Ästhetik des Widerstands und Ästhetik der Befreiung

Anette und Peter Horn (Kapstadt/Berlin)
Kultur als Mundprogaganda in einem repressiven Staat. Zur mündlichen Dichtung in Südafrika während der Apartheid

Félix Kreissler (Paris)
Widerstand in Österreich

Dokumentationsgespräch mit Wilhelm Hengstler
"Ich hatte das Bedürfnis, ein Bild des 19. Jahrhunderts zu geben..."


BERICHTE

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Editorial

Zu den Gelegenheitsgedichten, die Jura Soyfer schrieb, gehören auch jene über das Neujahr, das in einer Reihe von seinen Texten eine Rolle spielt. Das nachfolgende Gedicht betrifft die "Zukunft" als Jahr 1937:

Saß ein Weiblein, krumm und alt,/ An des alten Jahres Ecke;/ Unter ihr glänzt’ der Asphalt,/ Über ihr die Sternendecke./ Trug ein Schild – wie staunte ich,/ Als das Schildchen ich gelesen,/ Drauf ihr Name säuberlich/ Schwarz auf weiß gemalt gewesen!/ "Zukunft" las ich! Und ich hab’/ Mund und Augen aufgerissen./ "Zukunft" las ich nochmals ab!/ Und fast hätt’s mich umgeschmissen./ Doch da wurden wir schon mehr:/ Menschen schwirrten an wie Fliegen,/ Sammelten sich ringsumher,/ Sah’n zur Zukunft hin und schwiegen... (JSGW, S.209.)

So manchem mag es nun wohl auch so ergehen, wenn er oder sie auf das neue Jahrtausend sieht und bedenkt, was ihr oder ihm das Jahr 2001 bringen wird:

  1. Es sieht auf keinem Gebiet in Österreich so aus, als ob ein Aufbruch ermöglicht worden wäre. Wer immer das geglaubt hat, wurde und wird mit Abbruch konfrontiert – nicht nur des Dialogs, sondern auch der Leistungen bei erhöhten Zahlungen. Der Abbau der Konjunktur durch den Abbau der Massenkaufkraft trifft alle – den Arbeitnehmer, den Betriebsleiter und den Finanzminister.
  2. Schematische Ideologismen prägen die Veränderungen. Und das auch noch in den Kernbereichen der möglichen Veränderungen. Der Staat, die Universitäten, die Forschung, die künstlerischen Einrichtungen sollen wie "Betriebe" geführt werden (wobei als Modell Industriebetriebe – also alte Produktionsformen – dienen).
  3. Auch wenn der "Spuk" noch vor 2003 oder im Jahre 2003 beendet wäre, haben die Umsetzungen des Regierungsprogramms langfristige Folgen in vielen Bereichen. Das, was durch Kürzungen und Umstrukturierungen jetzt im Bereich von Kunst, Wissenschaft, Betrieben, Auslandsbeziehungen abgebrochen wurde, wird zum Teil Jahrzehnte brauchen, bis es wieder aufgebaut ist. Und wesentlich höhere Mittel werden dafür aufgewendet werden müssen.
  4. Die Kunst wird verdrängt – und mit ihr die Menschen als Individuen. Das ist auch der tiefere Sinn einer Politik, die Kunst- und Kulturpolitik als Umsetzung von Partei- oder Regierungspolitik versteht. Es wird – gerade unter dem neuen Landeshauptmann in Kärnten – abgegangen von Pluralismus, Phantasie, Gesellschaftsbezogenheit. Nicht mehr Rahmenbedingungen soll die Kulturpolitik bereitstellen, sondern offensichtlich Ideologie durchsetzen. Was an Demütigungen in diesem Zusammenhang erreicht wurde, spricht nicht für, sondern gegen diese Regierung und die Journalisten, die dies begrüßen.
  5. Damit hat die blanke Machtpolitik Einzug gehalten. Unsicher ist noch immer, ob sich angesichts dieser Koalition der Rechtsstaat behaupten wird können, wenn schon der Staat gegenüber der Zivilgesellschaft gestärkt und die Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat geschwächt wird. Noch gibt es keine "politische Justiz", obwohl führende Politiker sich lautstark dafür einsetzen und damit eine Basis für Gewalt schaffen würden, wenn sie sich durchsetzen sollten. Aber die Ideologisierung der Migration zeitigt bereits ihre negativen Folgen im Zusammenhang mit der Finanzierung der Pensionssysteme, dem Wirtschaftswachstum, dem Service, der Beziehungen zu anderen Ländern. Die In-Frage-Stellung von Österreich als Ort internationaler Treffen der Verständigung auch durch die angestrebte Einbindung in Militärbündnisse, die Erhöhung des unproduktiven Konfliktpotentials sind weitere negativen Folgen.
  6. Kennzeichnend für diese Regierung ist und bleibt das "Vergessen". Immer wieder soll in diesem Zusammenhang an den Satz im Stück "Vineta" von Jura Soyfer erinnert werden: "Das Vergessen ist das Denkprinzip reifer Kulturvölker". Das mag nun nicht nur auf Prozesse mit Zitaten zutreffen, die nicht mehr memoriert werden können. Wesentlich schwerwiegender ist das "Vergessen" der Grundkonstellationen und Katastrophen – der Folgen der antidemokratischen und selbst diktatorischen Handlungsweisen in Österreich in den 20er und 30er Jahren, die eine wesentliche Voraussetzung für die zunächst weitgehend widerstandsfreie Besetzung das Landes waren, die Bedeutung der Anerkennung der sozialen Interessen, die Bedeutung der (Friedens-)Kultur. Und es mag wohl auch kein Zufall sein, daß gerade diejenigen, die zu dieser Erinnerung beitragen wollen, einer unsicheren Zukunft entgegensehen.
  7. "Widerstand" allein wird zuwenig sein. Es kommt auf einen umfassenden "Change" an, der weniger parteipolitische Züge als vielmehr inhaltliche tragen sollte. Als Zentralelemente dieser grundlegenden Veränderungen sollten in diesem Zusammenhang angesehen werden: Demokratisierung im Sinne der Stärkung einer Zivilgesellschaft zu der die Öffnung der "Öffentlichkeit", geeignete Rahmenbedingungen für Künste, Wissenschaften und Forschung und deren Transformationen, neue Kooperationsstrukturen in vielfältigen Bereichen, ein neues Verständnis von Arbeit, Stellung der Frau, Bildung, Migration, Vorstellungsbildungsprozessen usw. gehören.
  8. Der Grundgedanke dieser notwendigen Veränderung ist der, daß nicht Existenzbedrohung, Zwang, Kampagnen, Instrumentalisierung usw. eine produktive Gesellschaft ermöglichen, sondern Motivation, Partizipation, geeignete Rahmenbedingungen für Entfaltung von Kreativität. Doch gerade dies drückt sich nicht nur nicht in der "neuen Regierungstätigkeit" in Österreich aus. Diese Regierung ist aber insbesonders ein Symbol für Machttaktik und Machtausübung (auch wenn Regierungsmitglieder das Wort "Kreativität" gebrauchen, bleibt es für sie ein Schlagwort bzw. ein Slogan im Sinne der Verwendung als Schlachtruf in Elias Canettis "Masse und Macht").
  9. Die "Befreiung" wird daher wohl nicht als "weit ausholende(), schwingende() Bewegung" (Metscher, S.6 in dieser Nummer) zu erwarten sein. Es wird vielmehr zu fragen sein, wer in Parteien, Institutionen, Initiativen bereit ist, Erinnerung zuzulassen, einen langfristigen Transformationsprozeß mitzugestalten. Und diese Prozesse sind immer schwierig.

In diesem Sinne mag Jura Soyfers Gelegenheitsgedicht auch für 2001 aktuell bleiben: die Zukunft im Sinne nicht nur dieses Regierungsprogramms schaut "alt" aus, wenngleich gerade nicht nur die "Weiblein" nicht nur heute nicht nur die Sterne deuten...

       
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